Genrefixation unserer Generation
Musik März 11th. 2008, 10:43pmImmer wieder werde ich gefragt, "tomi, was hörst du so?" und ich muss immer das Gleiche antworten: "Alles, aber nicht alles laut deiner Definition". Um das zu erläutern, ich höre nicht alles im Sinne von Schnappi über Yahel bis In Flames! Das soll nur heißen, dass ich mich vor keinem Genre verschließe, nicht fixiert bin auf eine Richtung, nicht das höre was gesellschaftlich zu meiner Persönlichkeit passen sollte und mir nicht sagen lasse was gut und was schlecht ist.
Das Motto das ich verfolge ist einfach erklärt:
In jedem Genre kann man etwas Schönes finden, wenn man sich einer oder mehreren Musikrichtungen verschließt verpasst man womöglich Erfahrungen die nicht wieder einzuholen sind.
Es ist ganz einfach. Jede Location, jede Stimmung, jede Situation kann natürlich beeinflussen was man gerade hören möchte, aber das ist ein entscheidender Unterschied zum grundsätzlichen Nicht-Hören bestimmter Richtungen.
Es gibt auch keine Richtlinien in der Musik, die dir sagen würden Metal in der Arbeit, Chill-Out in der Bim, nein nein in der Musik haben wir noch wahre Freiheit selber zu entscheiden was wir wann wo hören, wie wir es hören, was wir daran gut finden und müssen das auch vor niemandem rechtfertigen.
Ich liebe Musik. Ich liebe die Assoziationen, die eingebrannten Erinnerungen an bestimmte Songs und das Setting in dem ich sie gehört habe. Ihr kennt das Feeling sicher, wenn ihr eine alte CD oder MP3 irgendwo ausgrabt und schlagartig in die Vergangeheit, in die Zeit des Hörens versetzt werdet. Ich liebe wie Musik Emotionen weckt, zum Nachdenken anregt, motiviert, inspiriert, das Hirn dekonstruiert und wieder mit neuen Erfahrungen zusammensetzt.
Ich bin davon überzeugt, dass vielseitiges Musikhören das Hirn trainiert. Überlegt mal wieviel das Hirn bei dem Prozess des Hörens eigentlich leistet! Nicht nur dass es rein "mechanisch" die Signale verarbeiten muss, nein musikalisches Hören ist höchste Denkarbeit. Das Gehirn nimmt die klangliche Information und sucht dann in dem riesigen Speicher nach ähnlich klingenden Mustern, nach Patterns, nach rhythmischen Strukturen, nach ähnlichen Stimmungen und das in Sekundenbruchteilen, versuch das mal BlueGene (derzeit schnellster Supercomputer afaik). Zusätzlich kommen Erinnerungen und Emotionen ins Spiel, nicht gerade wenig wenn man sich das so überlegt, stimmt’s? Und trotzdem empfindet man das Hören von Musik meist als entspannend, als etwas Schönes das man stundenlang machen kann.
Aber zurück zur Grundthematik dieses Beitrags: Genrefixation. Warum sind die Menschen so verbissen darauf, dass sie nur ein Genre hören, tagein tagaus? Weil es Zugehörigkeit bedeutet, ein gesellschaftlich entwickeltes Grundbedürfnis des Menschen. Wenn man einen typischen Wiener "Proleten" mit 45° Kapperl auf der Straße sieht, denkt man sich der hört irgendwas in die Richtung "Gabber", Hardcore, Speedcore usw. und man möchte sich automatisch von eben diesen Personen abgrenzen und sowas nicht hören. Zeitgleich bezichtigt man Leute die das dann hören als eben solche Personen und schafft damit eine autonome kleine Sphäre in der man sich wohlfühlt. Darin liegt der Fehler den die meisten begehen, unbewusst, weil sie vielleicht noch nicht darüber nachgedacht haben. Sie denken, dass man durch das bloße hören einer Musikrichtung automatisch zu einer Subkultur gehört und dann von Freunden oder anderen Personen "verachtet" wird. Der Unterschied ist, dass der kleine Prolet von der Straße NUR diese Musikrichtung hört.
Man stelle sich 2 Mengen vor, die eine ist die Menge der Musikrichtungen die man selber hört, die andere die eines einseitig genrefixierten Menschen. Nur weil die Menge des genrefixierten Menschen eine Untermenge der eigenen bildet, heißt das noch nicht, dass man zu dieser Subkultur übergegangen ist, es bedeutet nur, dass man ein interessierter Mensch ist und offen für neue Erfahrungen. Wer desswegen jemanden kritisiert für seinen Musikgeschmack zB.: "Wie kannst du nur sowas hören?" ist in meinen Augen entweder zu unerfahren in der Musik oder hat noch nie über das was ich hier geschildert habe nachgedacht. (Oder ist minderbemittelt und unheilbar genrefixiert :D)
Also bitte, wenn ihr mich nochmal fragt was ich höre und ich sage "Alles" dann erinnert euch an diesen Artikel (war ja doch eine ziemliche Schreibarbeit..).
Ich hoffe, dass ich hiermit irgendwem die Augen für neue Genres geöffnet habe und eine neue Sichtweise auf Musikrichtungen ermöglicht habe.
Schönen Abend.

